I Salute

Biografie

Dies ist eine Musik, die ihre Kraft aus dem Zweifel schöpft und ihre Schönheit aus der Verschwendung; sie verstreut Klänge und Beats, Melodien und Gesänge wie glitzernden Traum- und Erkenntnisstaub; sie flicht Geschichte und Gegenwart ineinander; sie zitiert alte Stile und malt kühne Bilder der Zukunft; sie rast wie ein hyperaktives Gemüt von einem Erregungszustand in den nächsten und ist doch getragen von großer Ruhe und Sicherheit; sie ist getragen von der Ruhe einer Kunst, die sich sicher sein kann, dass jedes hektische Flimmern, jeder scheinbare Fehler, jede vermeintliche Irrung sich am Ende doch wieder als Teil eines wohlgestalteten Bildes erschließt, als Episode in einer dicht gewirkten Erzählung: als Teil eines Songs, in dem ein erregtes, dauernervöses, hypersensibles Subjekt von der Suche nach seinem inneren Zentrum erzählt und also von der Suche nach Wahrhaftigkeit. Diese Musik ist eine Musik von allergrößter Authentizität; doch ohne den Ichkitsch der meisten anderen deutschen Sprechgesangskünstler und ohne den Befindlichkeitsbiedermeier des aktuellen Indierock deutscher Prägung. Oder anders gesagt: Wenn man heute irgendwo eine Songwriterkunst findet, in der sich der Aufruhr der überhitzten Gegenwart ebenso zeigt wie die Souveränität einer in dieser Hitze gereiften Menschen- und Musikergeneration, dann findet man sie bei I Salute.

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I Salute heißt das erstaunliche Duo, das mit der EP »HOW YOU LIKE ME NOW« sein drittes Werk vorlegt, wenige Monate nur nach dem fabelhaften Albumdebüt »Her Confidence« aus dem Sommer 2017. I Salute bringen den deutschen HipHop auf die Höhe der Zeit, auf den Stand jener freien, verspielten, hoch eklektischen Kunst, deren Maßstab am Anfang dieses Jahrzehnts von Produzenten wie Clams Casino und Evian Christ gelegt wurde und von Künstlern wie A$AP Rocky und dem Kanye West des »Yeezus«-Albums. Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann heißen die beiden Protagonisten des Duos, beide haben ihre Karriere im Feld der Gitarrenmusik begonnen, Sören sang in der Indie-Band Empty Guns, Magnus spielt bis heute das Schlagzeug in der Screamo-Punk-Gruppe Paan. Für Sören war der HipHop die Musik seiner Jugend, als Teenager wuchs er Anfang der Nullerjahre mit Künstlern wie Nas und dem Jay-Z der »Blueprint«-Alben auf, doch in der folgenden, für das Genre so dürren Zeit wandte er sich scheinbar direkteren musikalischen Formen zu, Hardcore, DIY und Emo – jener Musik, mit der wiederum Magnus sozialisiert worden war. Im Jahr 2013 begannen sie miteinander zu arbeiten; wie heute noch, bastelten sie schon damals ihre Melodien, Samples und Beats in langen Zweier-Improvisationen zusammen: Die Musik von I Salute ist auch das beste Beispiel dafür, dass die Kunst des elektronischen Komponierens die Spontaneität nicht ersticken muss, sondern im Gegenteil: dass sich die wahre Spontaneität eines zeitgemäßen musikalischen Miteinanders in der souveränen Verschränkung von analogen und digitalen Produktionsweisen findet, von Menschen und Maschinen, von Innerlichkeit und Technologie.

 

»HOW YOU LIKE ME NOW« ist eine zeitgemäße HipHop-Platte und darum auch wieder nicht, weil sie die Grenzen des HipHop weit überschreitet; es gibt alles zu hören, was man sich vorstellen kann und noch mehr. Es werden nachtdunkel-schwere Trap-Rhythmen entfesselt und schwefelgelb strahlende Glamgitarren, man hört angegilbte Achtzigerjahre-Sounds (»Michael-Jackson-Glocken«, wie die beiden sie nennen) und schäferhundhaft knurrendes Death-Metal-Rumpeln; über dünn tänzelnden Post-Punk-Gitarren erblüht eine kaum zu fassende Fülle an melodischer Verausgabung und harmonischem Leuchten. Die Songs handeln von Verschwendung und Versagung, von Selbstzweifel und Selbsterkenntnis, von wimmelnder Vielfalt und psychotischem Schauder: »Wir sind – Helden – fürchten nur stummes Gebell«, wie es in »Still Running« heißt. I Salute erzählen vom Versuch, die Welt und das eigene Leben zu verstehen und in all dem Chaos, in das man geboren wurde und das man selbst immer wieder von neuem entfacht, zu einer unmöglichen Ordnung der Dinge zu finden; zu einer unverstellten Klarheit des Blicks auf die Welt, zu einer Beziehung zu sich selbst zu und zu den Menschen, die man liebt und gerade darum doch immer wieder enttäuscht. »Ich versuche«, sagt Sören, »alles aus meiner eigenen Perspektive zu sehen und aus allen anderen Perspektiven, die ich mir vorstellen kann«, was man als Verwirrung und Unschlüssigkeit deuten könnte, doch weit gefehlt: Die Lieder von I Salute sind so kunstvoll durchgearbeitet und rätselhaft schlüssig wie nichts anderes, was man im deutschen Sprechgesang derzeit findet, und trotz aller Komplexität – das ist Tolle daran – blühen aus ihnen doch die denkwürdigsten Zeilen und schönsten Melodien; wenn man ein Lied wie »Malice« einmal gehört hat, geht es einem nicht mehr aus dem Ohr.

 

Das Einfache und die Vielfalt sind hier kein Widerspruch mehr, den Strom der musikalischen Ideen und der Worte spürt man ebenso wie die Hindernisse der Realität, an denen sich jeder Ideenstrom bricht. Seine Texte, sagt Sören, schreibt er meist in der Bibliothek, weil er deren Stille zum Arbeiten braucht; oft stöbert er dort aber auch in Büchern nach alten Worten, um seinen Gedanken einen neuen Ausdruck zu leihen; wenn er glaubt, dass er etwas auf den Punkt gebracht hat, fängt er sofort wieder von vorne an; manchmal sucht er tagelang nach Synonymen, die das, was er vorher schon wusste und wollte, auf die passende Silbenzahl und den rechten Rhythmus zu bringen vermögen, auf dass sich der Fluss der Gedanken mit dem Fluss der Worte versöhnt. Die Sprache ist für ihn ein Material, an dem sich jeder Ausdruck des Innersten bricht und gleichsam zu bewähren hat; im Textblatt finden sich viele durchgestrichene Silben, die man nicht hört, aber doch in die Musik hineinlesen kann; so wie sich in der Musik, die Magnus und Sören gemeinsam erschaffen, eine Mannigfaltigkeit des Durchgestrichenen findet: so viele Zitate und so viele Ideen, die man hören kann, aber nicht muss, um zu fühlen, wie viel Intimität und Distanz, Alter und Jugendlichkeit, Furor und Weisheit aus den Songs dieses außergewöhnlichen Duos erstrahlen.

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Diskografie

How You Like Me Now 2018
Her Confidence 2017

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